Darts-WM-Prognose: So entsteht die Titelchance
47 % für einen einzelnen Spieler bei 128 Startern klingt nach einer gewagten Behauptung. Dahinter steckt eine Rechnung in vier Schritten. Hier steht jeder einzelne, dazu der Test an acht früheren Weltmeisterschaften und die Stellen, an denen das Modell nichts wissen kann.
Peter Neef · 4. Oktober 2026 · 8 Min. Lesezeit
Die Titelchance eines Spielers entsteht in vier Schritten: ein Rating aus offiziellen PDC-Partien, ein Leg-Modell, das Satzformat der WM und 40.000 simulierte Turniere mit jeweils neuer Auslosung. Die Darts-WM 2026/27 läuft vom 11. Dezember 2026 bis zum 3. Januar 2027 in der Great Hall des Alexandra Palace, mit 128 Spielern und einem Preisgeld von 5 Millionen Pfund (1 Million für den Sieger). Titelverteidiger ist Luke Littler, der im Finale Gian van Veen mit 7:1 schlug. Die Zahlen in diesem Artikel stammen aus dem Modell vom 30. Oktober 2026 und werden mit jedem Update aktualisiert.
20.810
offizielle PDC-Partien seit Januar 2006
40.000
simulierte Turniere, jedes mit neuer Auslosung
3,74 / 4
erwartete und echte Titel des Favoriten in 8 Ausgaben
46,8 %
Titelchance des aktuellen Favoriten
1. Ein Rating aus 20.810 Partien
Die Grundlage ist ein eigenes Rating, keine bestehende Rangliste. Ausgewertet werden alle offiziellen PDC-Partien seit dem 8. Januar 2006 bis zum letzten Spieltag vor dem Update vom 30. Oktober 2026: 20.810 Stück, darunter Tausende direkte Duelle zwischen Spielern aus dem aktuellen Feld von 128 Namen. Schaukämpfe, Jugendturniere und die Development Tour zählen nicht.
Daraus entsteht ein Elo-Rating. Jede Partie verschiebt die Werte von Sieger und Verlierer; ein klarer Sieg zählt mehr als ein knapper, ein Sieg gegen einen starken Gegner mehr als einer gegen einen schwachen. So bildet die Liste ab, was Spieler tatsächlich gegeneinander geleistet haben, und nicht, was sie in der Order of Merit an Preisgeld gesammelt haben.
| Spieler | Rating | Titelchance |
|---|---|---|
| Luke Littler | 1.920 | 46,8 % |
| Luke Humphries | 1.822 | 17,3 % |
| Gerwyn Price | 1.775 | 9,5 % |
| Jonny Clayton | 1.727 | 4,5 % |
Die ersten vier im Modell, Stand 30. Oktober 2026, 40.000 Simulationen. Der Ratingwert selbst hat keine Bedeutung; nur der Unterschied zwischen zwei Spielern zählt.
Luke Littler hat in diesem Datensatz 282 von 370 Partien gewonnen, bei Weltmeisterschaften 15 von 16. Das Rating fasst genau das zusammen.
2. Vom Ratingunterschied zur Leg-Chance
Darts wird in Legs gewonnen. Das Modell berechnet deshalb zuerst, wie wahrscheinlich es ist, dass Spieler A ein einzelnes Leg gegen Spieler B gewinnt, und baut alles Weitere darauf auf. Der Ratingunterschied läuft durch eine logistische Formel: Je 100 Ratingpunkte Unterschied rückt die Leg-Chance um denselben Schritt auf dieser Kurve weiter; nahe 50 % ist der Zuwachs am größten, bei großen Abständen flacht er ab. Der Koeffizient (0,1538 je 100 Punkte) wurde aus den historischen Partien geschätzt. Bei 100 Punkten Unterschied liegt die Leg-Chance bei 53,8 %, bei 269 Punkten bei 60,2 %.
Das Leg-Modell wurde ohne Weltmeisterschaften trainiert. Dadurch kann eine WM nicht heimlich in den Test einfließen, der weiter unten beschrieben wird.
3. Sätze machen aus kleinen Unterschieden große
Bei der WM gewinnst du keine einzelnen Legs, sondern Sätze. Ein Satz geht an den, der zuerst drei Legs gewinnt, eine Partie auf eine bestimmte Zahl von Sätzen: die ersten beiden Runden best of 5 Sätze, Runde drei und vier best of 7, das Viertelfinale best of 9, das Halbfinale best of 11 und das Finale best of 13. Jede Stufe wirkt wie ein Verstärker: Wer etwas häufiger gewinnt, gewinnt umso öfter, je länger der Wettkampf dauert.
| Ratingunterschied | Leg | Satz | Best of 5 Sätze | Best of 13 Sätze |
|---|---|---|---|---|
| 100 Punkte | 53,8 % | 57,2 % | 63,3 % | 70,2 % |
| 269 Punkte | 60,2 % | 68,6 % | 81,8 % | 92,2 % |
| 500 Punkte | 68,3 % | 81,4 % | 95,2 % | 99,5 % |
Wahrscheinlichkeit, dass der stärkere Spieler gewinnt, aus Leg-Modell und WM-Format. Zum Vergleich: Luke Littler und Luke Humphries liegen im aktuellen Modell 98 Ratingpunkte auseinander.
Aus einer Leg-Chance von 60 % wird so eine Chance von knapp 82 % auf die Partie in der ersten Runde und 92 % im Finale. Das erklärt auch, warum die kurzen Partien der ersten beiden Runden so viele Überraschungen liefern: Best of 5 ist die kürzeste Distanz, und dort hat der Schwächere die größte Chance.
4. 40.000 Turniere mit neuer Auslosung
Mit einer Siegchance für jede mögliche Paarung lässt sich das Turnier nachspielen. Das Modell spielt den Turnierbaum mit 128 Spielern 40.000-mal durch, Runde für Runde. In jeder Paarung wird ein Sieger anhand der Partiechance gezogen. Die Titelchance eines Spielers ist der Anteil der Simulationen, in denen er Weltmeister wird. Dieselbe Zählung liefert die Chance auf jede Zwischenrunde.
Das wichtigste Detail: Zu jeder Simulation gehört eine eigene Auslosung. Die Auslosung steht erst nach den Players Championship Finals (27. bis 29. November) fest, ein Termin ist noch nicht bekannt gegeben. Bis dahin sind nur die Regeln bekannt: 32 gesetzte Spieler, verteilt über den Turnierbaum. Eine Chance auf Basis eines erfundenen Turnierbaums wäre Scheingenauigkeit. Wird jedes Mal neu gelost, ist das Ergebnis genau das, was du wissen willst: die Chance über alle möglichen Auslosungen hinweg.
Bei 40.000 Simulationen schwankt eine Chance von 46,8 % um rund einen Viertelprozentpunkt. Das ist weniger als jede Veränderung, die du siehst, sobald ein neues Ergebnis hinzukommt.
5. Warum die Chance des Favoriten so hoch ausfällt
Bei 46,8 % für einen einzigen Spieler in einem Feld von 128 lohnt ein zweiter Blick. Das Modell gibt Luke Littler in jeder Runde diese Siegchancen, vorausgesetzt, er hat die Runde davor überstanden:
| Runde | Siegchance in der Runde | Chance, bis einschließlich dieser Runde zu gewinnen |
|---|---|---|
| Erste Runde | 93,9 % | 93,9 % |
| Zweite Runde | 93,8 % | 88,0 % |
| Dritte Runde | 90,9 % | 80,0 % |
| Vierte Runde | 88,7 % | 71,0 % |
| Viertelfinale | 88,7 % | 63,0 % |
| Halbfinale | 87,3 % | 55,0 % |
| Finale | 85,2 % | 46,8 % |
Eigenes Modell, 40.000 Simulationen, gemittelt über alle möglichen Auslosungen.
Sieben Chancen zwischen 85 und 94 % ergeben zusammen 46,8 %. Keine einzelne Runde ist für Littler ein großes Risiko; das Risiko liegt in der Zahl der Runden. Das passt zu seiner Bilanz von 282 Siegen in 370 Partien und 90 Siegen in 110 Partien in den letzten zwölf Monaten.
Luke Littler, Luke Humphries und Gerwyn Price erreichen zusammen 73,6 %. Die übrigen 26,4 % verteilen sich auf den Rest des Feldes, je Spieler also wenige Prozent oder weniger. Das ist kein Fehler des Modells, sondern so sieht ein Feld aus, in dem ein Spieler eine Klasse für sich ist. Der Abstand zwischen Platz eins und zwei beträgt im Modell derzeit 98 Ratingpunkte.
6. Der Test: acht frühere Weltmeisterschaften nachgespielt
Ob die Methode stimmt, prüfst du an Turnieren, die schon gespielt sind. Für acht Ausgaben (2017, 2019 bis 2021 und 2023 bis 2026) wurden die Ratings am 1. Dezember eingefroren und die folgende WM simuliert. Das Leg-Modell kannte dabei alle Partien außer Weltmeisterschaften; das bewertete Turnier hatte es also nie gesehen.
| WM | Weltmeister | Chance vorab | Favorit des Modells |
|---|---|---|---|
| 2017 | Michael van Gerwen | 79,7 % | Michael van Gerwen |
| 2019 | Michael van Gerwen | 63,6 % | Michael van Gerwen |
| 2020 | Peter Wright | 6,1 % | Michael van Gerwen (64,6 %) |
| 2021 | Gerwyn Price | 23,8 % | Michael van Gerwen (38,8 %) |
| 2023 | Michael Smith | 8,6 % | Michael van Gerwen (23,1 %) |
| 2024 | Luke Humphries | 31,3 % | Luke Humphries |
| 2025 | Luke Littler | 24,4 % | Luke Humphries (26,3 %) |
| 2026 | Luke Littler | 46,6 % | Luke Littler |
Eigener Backtest, Ratings vor jeder Ausgabe am 1. Dezember eingefroren.
Der Favorit des Modells hatte über diese acht Ausgaben zusammen 3,74 Titel zu erwarten. Er gewann 4. Die Größenordnung stimmt also, und zwar in beide Richtungen: Peter Wright bekam 2020 nur 6,1 % und Michael Smith 2023 nur 8,6 %, und beide wurden Weltmeister. So verhält sich eine ehrliche Wahrscheinlichkeit. Ein Ereignis mit 6 % tritt im Schnitt in einem von siebzehn Fällen ein; wer acht Turniere betrachtet, sieht so einen Ausreißer immer wieder einmal.
Was der Test zeigt und was nicht: Acht Ausgaben bestätigen die Größenordnung. Sie beweisen nicht, dass 46,8 % exakt stimmt. Das Modell abzuschwächen, also die Chancen näher zusammenzuziehen, machte es im Test messbar schlechter: Der Favorit hätte dann nur noch 2,88 erwartete Titel gehabt, gewonnen wurden 4.
7. Was das Modell nicht wissen kann
Ein Rating ist ein Gedächtnis, keine Kristallkugel. Drei Dinge fehlen:
- Die Form der letzten Wochen. Das Rating reicht bis zu den letzten offiziellen Partien vor dem Einfrieren und kennt keine Tagesform. Ein Spieler, der sich im November am Rücken verletzt, hat im Modell noch dieselbe Stärke. Ein zusätzlicher Rauschterm für die Tagesform wurde getestet und machte die Ergebnisse nicht besser.
- Krankheit, Verletzungen und Privates. Genau das sind oft die Gründe, warum ein Favorit in der zweiten Runde ausscheidet. Das Modell sieht sie nicht kommen. Das steckt nur indirekt in den Zahlen: Auch ein klarer Favorit behält in jeder Partie eine Restchance, zu verlieren.
- Spieler ohne ausreichendes Rating. Ein Teil des Feldes kommt aus internationalen Qualifikationsturnieren oder hat zu wenige offizielle PDC-Partien. Für sie schätzt das Modell ein Rating aus der Qualifikationsroute: Bei Qualifikanten über die Order of Merit oder die ProTour Order of Merit folgt es aus dem Ranglistenplatz, internationale Qualifikanten bekommen den Durchschnitt der zehn schwächsten bewerteten Spieler aus diesen Routen. Das ist eine vernünftige Annahme, aber ein unbekannter Spieler, der in Wirklichkeit stark ist, wird unterschätzt.
Hinzu kommt der Zeitpunkt. Die Ranglisten werden am 29. November eingefroren, und die letzten Qualifikanten stehen danach fest. Die Werte geben deshalb den heutigen Stand wieder und verschieben sich, sobald Feld und Auslosung feststehen.
8. So nutzt du die Prozentwerte im Tippspiel
Die Zahlen helfen dir auf drei Arten, und keiner davon ist die Titelchance selbst. Schau zuerst auf die Chance, das Viertelfinale zu erreichen: Sie ist viel stabiler als die Titelchance und entscheidet in einem Tippspiel mit Punkten je Runde darüber, wie viel ein Spieler einbringt. Dann auf die Streuung: 46,8 % Titelchance bedeuten auch 53,2 %, dass der Favorit nicht Weltmeister wird, und die Plätze zwei und drei zusammen kommen auf 26,7 %. Und lies die Prozentwerte als Wahrscheinlichkeiten, nicht als Versprechen.
Alle Wahrscheinlichkeiten je Spieler und Runde findest du bei den Darts-WM-Favoriten. Wie die Berechnung bei Tippanalyse grundsätzlich funktioniert, steht unter So funktioniert Tippanalyse.